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Waldgarten — die mehrschichtige Pflanzengilde

Waldgarten — die mehrschichtige Pflanzengilde

Ein Waldgarten (englisch: forest garden) ist die ausgewachsene Form der Pflanzengilde — eine mehrschichtige Bepflanzung, die einem natürlichen Waldrand nachempfunden ist. Statt einer einzigen Zentralpflanze gibt es mehrere Etagen, die sich vertikal stapeln und horizontal ergänzen.

Das Konzept ist in Mitteleuropa noch wenig verbreitet, aber die produktivste Form essbarer Landschaftsgestaltung, die wir kennen. Auf 50–200 m² kann ein Waldgarten 50+ verschiedene essbare Pflanzen tragen — und das mit sehr geringem Pflegeaufwand ab Jahr 5–7.

Querschnitt durch einen sieben Schichten umfassenden Waldgarten: Walnuss als Kronendach, Apfelbaum als untere Baumschicht, Johannisbeere und Stachelbeere als Strauchschicht, Beinwell und Rhabarber als Krautschicht, Walderdbeere und Klee als Bodendecker, Knoblauch und Topinambur in der Wurzelzone, Kiwi-Liane am Walnussstamm, Pilze am Totholz
Querschnitt durch einen sieben Schichten umfassenden Waldgarten

Was ist ein Waldgarten?

Kernidee: Ein gepflanzter Garten, der wie ein natürlicher Waldrand funktioniert:

Im Unterschied zu einer normalen Pflanzengilde ist der Waldgarten flächiger, vielfältiger und langfristiger — und braucht entsprechend mehr Platz und Geduld.


Die 7 (oder 8) klassischen Etagen

Nach Robert Hart (UK, 1980er) und Martin Crawford (Agroforestry Research Trust, 1990er–heute):

EtageHöheBeispiele
1. Kronendach (canopy)8–15 mWalnuss, Edelkastanie, Mandelbaum, Maulbeere, Walnuss
2. Niederwald (low tree layer)3–8 mApfel, Birne, Pflaume, Kirsche, Quitte, Felsenbirne
3. Sträucher (shrub layer)1–3 mJohannisbeere, Stachelbeere, Aronia, Sanddorn, Heidelbeere, Holunder
4. Krautige Schicht (herbaceous)30–100 cmBeinwell, Rhabarber, Mangold, Borretsch, Wermut, Lavendel
5. Bodendecker (groundcover)5–30 cmWalderdbeere, Klee, Sauerampfer, Thymian, Frauenmantel
6. Wurzelschicht (rhizosphere)im BodenKnoblauch, Topinambur, Schwarzwurzel, Pastinaken, Narzissen
7. Kletterer (vines)beliebigWein, Hopfen, Kiwi, Akebie, Stangenbohne (annuell)
(8. Pilzschicht)im Mulch / TotholzAusternpilz, Shiitake, Pilzkulturen auf Holz

Wichtige Beobachtung: Ein natürlicher Wald hat dieselbe Struktur — Kronendach (Buche, Eiche), Niederwald (Hasel, Vogelkirsche), Sträucher (Schlehe, Weißdorn), Krautige (Bärlauch, Waldmeister), Bodendecker (Moose, Flechten), Wurzelschicht (Frühblüher-Zwiebeln). Der Waldgarten kopiert dieses System mit essbaren Arten.


Wer hat das erfunden?

Robert Harts kleiner Waldgarten in Shropshire von oben: Mulchpfad, ausgewachsene Apfelbäume mit voller Krone, dichte Johannisbeer- und Stachelbeersträucher, Beinwell und Rhabarber, Kiwi-Pergola, Steinbank am Rand – britische Landschaftsromantik
Robert Harts kleiner Waldgarten in Shropshire von oben

Robert Hart (1913–2000) gilt als Vater des modernen Waldgarten-Konzepts in der westlichen Welt:

Martin Crawford (UK, Creating a Forest Garden, 2010) — verfeinert Harts Konzept für gemäßigte Klimazonen, vor allem Großbritannien und Mitteleuropa. Sein eigener Waldgarten im Devon (Agroforestry Research Trust) ist heute das beste begehbare Anschauungsbeispiel der Welt.

Dave Jacke & Eric Toensmeier (USA, Edible Forest Gardens, 2 Bände, 2005) — wissenschaftliche Tiefe; quasi das Lehrbuch.

In Deutschland:


Wann lohnt sich ein Waldgarten?

Voraussetzungen:

FaktorMindestensOptimal
Fläche50 m²200–500 m²
Standortüberwiegend sonnig (mind. 5 h)sonnig + Süd-Hang
Zeithorizont5+ Jahre Geduld10+ Jahre
Bodenbedingungennormaler Gartenboden, kein Stautiefgründig, gut drainiert
WasserverfügbarkeitNiederschlag + ggf. erstes Jahr gießennatürliche Versorgung möglich

Nicht geeignet:


Beispiel-Waldgarten — Aufbau auf 100 m²

Strauchschicht-Studie als botanische Tafel: roter Johannisbeerstrauch, Stachelbeere mit grün-gelben Früchten, Aronia mit tiefdunklen Beeren, Schwarzer Holunder mit Dolden – die typische mittlere Etage eines Waldgartens
Strauchschicht
                  N (Norden)

   ──────────────────────────────────── 
   │ Kronendach (Etage 1)             │
   │  • Walnussbaum (Süden, weit weg) │
   │  • Edelkastanie (alternativ)     │
   ──────────────────────────────────── 
   │ Niederwald (Etage 2)             │
   │  • Apfelbaum (Spindel)           │
   │  • Birne (Säule)                 │
   │  • Felsenbirne (Multifunktional) │
   ──────────────────────────────────── 
   │ Strauchschicht (Etage 3)         │
   │  • Johannisbeere rot+schwarz     │
   │  • Stachelbeere stachellos       │
   │  • Holunder (alleinstehend)      │
   │  • Aronia (Trend-Beere)          │
   │  • Heidelbeere im Moorbeet       │
   │  • Sanddorn (zweihäusig 2!)      │
   ──────────────────────────────────── 
   │ Krautige Schicht (Etage 4)       │
   │  • Beinwell (Mineralien-Mulch)   │
   │  • Lavendel (Bestäuber)          │
   │  • Salbei / Thymian              │
   │  • Rhabarber (Ertrag)            │
   │  • Borretsch (Selbstaussaat)     │
   │  • Wermut (Schädlingsabwehr)     │
   ──────────────────────────────────── 
   │ Bodendecker (Etage 5)            │
   │  • Walderdbeere überall          │
   │  • Weißklee in Lücken (N!)       │
   │  • Sauerampfer am Rand           │
   │  • Frauenmantel im Schatten      │
   ──────────────────────────────────── 
   │ Wurzelschicht (Etage 6)          │
   │  • Knoblauch zwischen allem      │
   │  • Topinambur am Rand            │
   │  • Narzissen am Apfelstamm       │
   │  • Bärlauch im Schatten          │
   ──────────────────────────────────── 
   │ Kletterer (Etage 7)              │
   │  • Wein am Spalier               │
   │  • Hopfen am Zaun                │
   │  • Stangenbohne am Mais (annuell)│
   ──────────────────────────────────── 

                  S (Süden)

Zahlen für diesen Beispiel-Waldgarten:


Anlegen — die 5 Hauptschritte

1. Standortanalyse (siehe Standort Analyse Vor Der Gilde)

Bei einem Waldgarten besonders kritisch:

2. Pflanzplan auf Papier (vor jedem Spatenstich!)

3. Pflanzung in Etagen — von oben nach unten

Jahr 1: Etagen 1 + 2 (Bäume) — bestimmen die Struktur, wachsen am langsamsten Jahr 2: Etagen 3 (Sträucher) zwischen den Bäumen Jahr 3: Etagen 4 + 5 (Krautige + Bodendecker) — füllen die Fläche Jahr 4: Etage 6 (Wurzelschicht) — Knoblauch, Narzissen, Topinambur Jahr 5+: Etage 7 (Kletterer) wenn Strukturen stehen

4. Mulch ist Pflicht

Im Waldgarten niemals offener Boden. Mulch aus:

5. Anwachsphase managen (5–7 Jahre)

Siehe Gilden Anwachsphase, Waldgarten-Aspekte:


Stärken und Grenzen eines Waldgartens

Stärken:

Grenzen:


Mini-Waldgarten für kleine Flächen (alternative)

Wer keine 50 m² hat, kann ein Mini-Modell anlegen:

Auf 5–10 m² eine kompakte 5-Etagen-Mini-Gilde — funktioniert ähnlich, nur weniger Etagen und weniger Vielfalt.


Mitnehmen

  1. Waldgarten = ausgewachsene Pflanzengilde — gleicher Konzept (Rollen-Besetzung, Mischkultur), nur mehrschichtig und größer.

  2. 5–7 Jahre Anwachsphase sind Pflicht. Wer schnellere Ergebnisse will, baue lieber klassische Gemüsebeete.

  3. Mindestens 50 m² Fläche. Darunter lieber klassische Mini-Gilde nach 7-Rollen-Schema.

  4. Wer das Konzept ausprobieren will, ohne sofort 200 m² zu beplanten: Mini-Waldgarten mit 5 Etagen auf 5–10 m².

  5. Literatur: Crawford und Hart sind die Klassiker — wer ernsthaft plant, sollte mindestens eines der Bücher gelesen haben.


Quellen und Vertiefung


Verwandte Seiten:

Infografik

Infografik: waldgarten-mehrschichtige-gilde.png
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