Auxin: Wirkung auf Wachstum, Wurzeln und Verzweigung
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Warum kann Entspitzen die Verzweigung fördern? Und weshalb bilden manche abgeschnittenen Triebe neue Wurzeln? Auxin ist an beiden Vorgängen beteiligt. Es gehört zu den Pflanzenhormonen, die Wachstum und Entwicklung koordinieren.
Für die Gartenpraxis hilft dieser Zusammenhang, Schnittreaktionen und Bewurzelung besser zu verstehen. Eine einzelne Beobachtung verrät aber keinen bestimmten Auxingehalt: Pflanzenart, Entwicklungszustand und Kulturbedingungen entscheiden mit.
Was ist Auxin, und wo entsteht es?
Auxine sind eine Gruppe von Pflanzenhormonen. Der wichtigste natürliche Vertreter ist Indol-3-Essigsäure, kurz IAA (englisch indole-3-acetic acid). Auxin beeinflusst unter anderem Zellstreckung, Zellteilung, Organbildung und die Entwicklung von Leitgewebe. Eine Rangfolge, nach der Auxin grundsätzlich „wichtiger“ als alle anderen Hormone wäre, ist dafür nicht nötig.
IAA wird unter anderem in jungen Blättern und Spitzengeweben sowie in sich entwickelnden Samen und Früchten gebildet. Auch Wurzeln können Auxin vor Ort bilden. Wo und wann es entsteht, hängt vom Gewebe und Entwicklungsstadium ab.
Wie wird Auxin transportiert?
Ein wichtiger Weg ist der polare Auxintransport: Transportproteine verteilen Auxin gerichtet von Zelle zu Zelle. Im Spross verläuft dieser Transport häufig von der Spitze zur Basis, also basipetal. Das bedeutet nicht, dass jedes Auxin in der gesamten Pflanze nur abwärts fließt.
In Wurzeln gibt es Transportwege zur Wurzelspitze und von dort zurück in Richtung der Streckungszone. Auch seitliche Umverteilung und Transport über das Phloem tragen zur Verteilung bei. Zusammen mit örtlicher Bildung, Speicherung in gebundenen Formen und Abbau entstehen unterschiedliche Auxingehalte in den Geweben.
| Eigenschaft | Auxin in Kürze |
|---|---|
| Stoffgruppe | Pflanzenhormone mit natürlichen und synthetischen Vertretern |
| Wichtigster natürlicher Vertreter | Indol-3-Essigsäure (IAA) |
| Bildung | Unter anderem in jungen Blättern, Spitzengeweben, Samen, Früchten und Wurzeln |
| Transport | Gerichtet zwischen Zellen; zusätzlich über das Phloem |
| Wirkung | Abhängig von Gewebe, Konzentration, Entwicklungsstadium und weiteren Signalen |
Wie Auxin wirkt: Gewebe und Entwicklungsphase entscheiden
Auxin wird von Rezeptoren wahrgenommen und verändert die Aktivität von Zellen und Genen. Im jungen Spross kann es unter anderem Protonenpumpen aktivieren: Der Raum außerhalb der Zellmembran, einschließlich der Zellwand, wird angesäuert. Dadurch können Zellwände dehnbarer werden und Zellen sich bei Wasseraufnahme verlängern. Dieses Säurewachstum erklärt einen wichtigen Teil der Sprossstreckung, aber nicht sämtliche Auxinwirkungen.
Die Merkhilfe „wenig fördert, viel hemmt“ ist zu grob. Schon geringe Änderungen können in empfindlichen Geweben wirken. Eine Konzentration, die die Streckung im Spross fördert, kann die Streckung einer Wurzel hemmen. Bei der Stecklingsbewurzelung unterscheiden sich zudem die Bedürfnisse der frühen Wurzelanlage von denen späterer Wachstumsphasen.
| Vorgang | Rolle von Auxin | Wichtige Grenze |
|---|---|---|
| Streckung junger Sprosszellen | Kann das Längenwachstum fördern | Keine unbegrenzt steigende Wirkung mit zunehmender Konzentration |
| Bildung neuer Wurzeln | Wirkt an der Anlage von Seiten- und Adventivwurzeln mit | Art, Gewebezustand und Bewurzelungsphase entscheiden mit |
| Verlängerung vorhandener Wurzeln | Reguliert das Wachstum; erhöhte Auxinwirkung kann die Streckung hemmen | Wurzelneubildung und Wurzelverlängerung sind verschiedene Vorgänge |
| Austrieb seitlicher Knospen | Wirkt überwiegend indirekt an der Hemmung mit | Kein einfacher Schalter anhand der Auxinmenge in einer Knospe |
Neue Wurzeln bilden und vorhandene Wurzeln verlängern ist also nicht dasselbe. Deshalb kann Auxin die Bewurzelung eines Stecklings unterstützen und zugleich unter anderen Bedingungen das Längenwachstum von Wurzeln bremsen.
Welche Aufgaben Auxin in der Pflanze hat
- Verzweigung: Auxin aus jungen Spitzengeweben wirkt an der Apikaldominanz mit. Es beeinflusst andere Signale und Transportprozesse im Spross, die den Knospenaustrieb regulieren. Cytokinine, Strigolactone und die Versorgung mit Zucker spielen ebenfalls eine Rolle.
- Wurzelbildung: Auxin trägt dazu bei, dass neue Wurzelanlagen entstehen. Wurzeln, die sich etwa an einem Trieb bilden, heißen Adventivwurzeln. Daraus erklärt sich ein Teil der Stecklingsbewurzelung.
- Lichtbiegung: Beim klassischen Phototropismus des jungen Sprosses ist die Auxinwirkung auf der Schattenseite stärker. Diese Flanke streckt sich mehr, und der Spross biegt sich zum Licht.
- Schwerkraftreaktion: Beim Geotropismus trägt eine ungleiche Auxinverteilung zur Krümmung bei. Im Spross wächst die untere Flanke stärker; bei der Wurzel wird dort die Streckung gehemmt. So können sich Spross und Wurzel in entgegengesetzte Richtungen biegen.
- Fruchtentwicklung: Auxinsignale aus sich entwickelnden Samen und anderen Fruchtgeweben wirken mit weiteren Hormonen, etwa Gibberellinen, am Fruchtansatz mit. Bei Parthenokarpie können Früchte auch ohne Befruchtung entstehen.
- Organabwurf: Die Auxinversorgung einer Abszissionszone, also einer späteren Trennungsstelle, kann deren Empfindlichkeit gegenüber Ethylen beeinflussen. Weniger Auxinversorgung kann den Abwurf begünstigen; Blatt- und Fruchtfall hängen aber auch von Entwicklungszustand und Umweltbedingungen ab.
Was das für die Gartenpraxis bedeutet
Entspitzen kann Verzweigung fördern
Entfernst du eine wachsende Spitze, verändern sich Hormonsignale und die Verteilung der Assimilate. Dadurch können vorhandene Seitenknospen mit dem Wachstum beginnen. Bei geeigneten Pflanzen wie Basilikum lässt sich so die Verzweigung fördern.
Wähle einen gesunden, aktiv wachsenden Trieb und schneide knapp oberhalb eines erhaltenen Blattpaars oder einer geeigneten Knospe. Ob und wie schnell neue Triebe entstehen, hängt von der Art, dem Knospenzustand und den Bedingungen ab. Eine feste Frist von ein bis zwei Wochen gilt nicht allgemein.
Entspitzen und Ausgeizen sind verschiedene Eingriffe: Beim Entspitzen entfernst du die Spitze eines Triebs, beim Ausgeizen einen Seitentrieb. Nicht jede Pflanze verträgt oder benötigt das Entfernen ihrer Hauptspitze. Die passende Vorgehensweise beschreibt Entspitzen / Pinzieren.
Stecklinge bewurzeln: Bedingungen vor Präparaten
Auxin ist ein wichtiges Signal bei der Wurzelneubildung. Ein hormonhaltiges Bewurzelungsmittel kann die Bewurzelung mancher Arten verbessern, garantiert aber keinen Erfolg. Viele leicht bewurzelnde Pflanzen, etwa Weiden oder Tomatengeiztriebe, kommen ohne zusätzliche Hormone aus.
Für einen Triebsteckling sind diese Punkte hilfreich:
- Geeignetes Material wählen. Nimm einen gesunden Trieb im zur Art passenden Entwicklungsstadium. Bei vielen Arten wird nahe unter einem Knoten geschnitten; Wurzeln entstehen aber nicht ausschließlich an Knoten.
- Untere Blätter entfernen. Blätter sollen nicht im Substrat liegen. Obere Blätter können die Versorgung unterstützen; bei starker Verdunstung muss die Blattfläche gegebenenfalls angepasst werden.
- Mittel nur bei Bedarf anwenden. Wirkstoff, Konzentration, Eintauchtiefe und Einwirkzeit richten sich nach Produktanweisung und Pflanzenart. Bei Pulver überschüssiges Material nach Anweisung abklopfen. Eine kleine Arbeitsportion verhindert, dass das Vorratsgefäß durch Stecklinge verunreinigt wird.
- Kulturbedingungen sichern. Nutze ein sauberes, luftiges Vermehrungssubstrat und halte es gleichmäßig feucht, ohne Staunässe. Blattstecklinge und belaubte Triebstecklinge brauchen Schutz vor Austrocknung; eine Abdeckung regelmäßig lüften und vor starker direkter Sonne schützen.
Nicht jedes als „Wurzelaktivator“ angebotene Produkt enthält Auxine. Prüfe die Inhaltsstoffe und den vorgesehenen Einsatz. Wenn ein Steckling fault oder vertrocknet, behebt zusätzliches Auxin diese Ursache nicht. Weitere Hinweise stehen unter Steckling.
Steckhölzer mit dem ursprünglichen unteren Ende stecken
Bei aufrecht gesteckten Triebstecklingen und Steckhölzern gehört das ursprünglich untere Ende ins Substrat. Markiere die Orientierung, wenn sie am blattlosen Holz schwer zu erkennen ist.
Die ursprüngliche Polarität des Triebs und seine Transportprozesse beeinflussen, wo neue Wurzeln und Triebe entstehen können. Daraus folgt keine allgemeine Aussage, dass ein umgekehrt gesteckter Zweig stets scheitert. Die Steckrichtung ist außerdem eine andere Frage als die Schwerkraftreaktion. Für waagerecht ausgelegte Triebabschnitte, Blatt- oder Wurzelstecklinge gelten jeweils eigene Vermehrungsverfahren.
IAA, IBA, NAA und 2,4-D unterscheiden
| Stoff | Einordnung | Bedeutung |
|---|---|---|
| Indol-3-Essigsäure (IAA) | Wichtigstes natürliches Auxin | Zahlreiche Entwicklungs- und Wachstumsprozesse |
| Indol-3-Buttersäure (IBA) | Kommt auch natürlich vor; wird für Präparate hergestellt | Bewurzelung; wirkt vielfach über die Umwandlung in IAA |
| 1-Naphthylessigsäure (NAA) | Synthetisches Auxin | Unter anderem Bewurzelung und Wachstumsregulation im Erwerbsanbau |
| 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure (2,4-D) | Synthetisches Auxinherbizid | Stört Wachstum und weitere Lebensprozesse empfindlicher Pflanzen |
IBA ist nicht ausschließlich synthetisch. Für die Anwendung eines Präparats ist entscheidend, welcher Wirkstoff in welcher Konzentration enthalten ist.
2,4-D ahmt Auxinsignale nach und kann empfindliche Pflanzen stark schädigen. Seine Wirkung umfasst mehr als übermäßiges Streckungswachstum. Unterschiedliche Empfindlichkeit, Aufnahme und Verarbeitung ermöglichen bestimmte selektive Anwendungen; eine allgemeine Schonung aller Gräser lässt sich daraus nicht ableiten. Natürliches IAA und ein Auxinherbizid sind verschiedene Stoffe.
Häufige Fragen und Missverständnisse
Hilft viel Bewurzelungspulver besonders gut?
Eine höhere Konzentration oder längere Einwirkzeit kann die Wurzelentwicklung hemmen oder Gewebe schädigen. Umgekehrt kann eine zu geringe Behandlung bei schwer bewurzelnden Arten unzureichend sein. Halte dich an die passende Produktanweisung, statt allgemein „viel“ oder einen „hauchdünnen Tupfer“ als richtige Dosis anzusehen.
Ist Weidenwasser ein Ersatz für Bewurzelungsmittel?
Für einzelne Weidenextrakte wurden unter bestimmten Versuchsbedingungen positive Effekte beobachtet. Das belegt keine zuverlässige Wirkung jedes Hausrezepts. Ausgangsmaterial und Herstellung verändern die Zusammensetzung; eine wirksame Auxinkonzentration ist dabei nicht bekannt. Dass Weiden selbst leicht bewurzeln, beweist nicht, dass ihr Wasser andere Arten zuverlässig bewurzelt.
Bedeutet Vergeilung zu viel Auxin?
Aus einem langen, blassen Trieb lässt sich kein bestimmter Auxingehalt ablesen. Lichtrezeptoren und mehrere Hormonsignalwege beeinflussen die Entwicklung bei Lichtmangel. Auxin wirkt an der Streckung mit, doch Etiolement / Vergeilung ist kein einfacher Auxinüberschuss. Prüfe zuerst Lichtangebot und zur Art passende Temperatur.
Bestimmt das Auxin-Cytokinin-Verhältnis, ob Wurzeln oder Sprosse entstehen?
Das bekannte Verhältnis-Modell stammt besonders aus der Regeneration in Gewebekultur: Bestimmte Hormonkombinationen können dort eher Wurzel- oder Sprossbildung fördern. Art, Ausgangsgewebe, absolute Konzentrationen und Kulturbedingungen entscheiden mit. Das Modell ist keine allgemeine Dosieranleitung für Stecklinge oder die Verzweigung einer Gartenpflanze. Mehr zum Zusammenspiel erklärt Phytohormone.
Das Wichtigste für deinen Garten
- Gewebe und Entwicklungsphase bestimmen die Wirkung. Wurzelbildung, Wurzelverlängerung und Sprossstreckung reagieren unterschiedlich.
- Entspitzen kann Verzweigung fördern. Austrieb und Erfolg hängen von vorhandenen Knospen, Pflanzenart und Versorgung ab.
- Bewurzelungsmittel ersetzen keine geeigneten Bedingungen. Verwende sie bei Bedarf nach Produktanweisung; achte auf Feuchte, Luft im Substrat und geeignetes Ausgangsmaterial.
- Wuchsmerkmale sind keine Hormondiagnose. Lange Triebe oder schlecht bewurzelnde Stecklinge verraten keinen messbaren Auxinmangel oder -überschuss.
Verwandte Seiten
- Phytohormone — Pflanzenhormone und ihr Zusammenspiel
- Apikaldominanz — Einfluss der Spitze auf seitliche Knospen
- Steckling — geeignete Verfahren und Bedingungen für die Bewurzelung
- Entspitzen / Pinzieren — Verzweigung durch gezielten Schnitt fördern
- Phototropismus — Biegung junger Triebe zum Licht
- Geotropismus — Wachstumsreaktion auf die Schwerkraft
- Ethylen — Reifung und Organabwurf
- Parthenokarpie — Fruchtbildung ohne Befruchtung