Geotropismus: Warum Wurzeln nach unten und Sprosse nach oben wachsen
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Lege einen Bohnensamen mit der Keimwurzel nach oben in die Erde: Während des Wachstums kann sich die Wurzel nach unten und der Keimspross nach oben ausrichten. Auch ohne Licht nehmen Pflanzen die Richtung der Schwerkraft wahr. Diese Wachstumsreaktion heißt Geotropismus oder Gravitropismus.
Im Garten erklärt sie, warum eine bestimmte Samenlage bei vielen üblichen Saaten nicht nötig ist und warum junge Triebe nach einer Lageänderung wieder aufwärts wachsen können. Die Selbstkorrektur hat aber Grenzen: Sie ersetzt weder gute Keimbedingungen noch die Versorgung beschädigter Pflanzen.
Was ist Geotropismus?
Geotropismus ist gerichtetes Wachstum eines Pflanzenorgans als Reaktion auf die Schwerkraft. Der ebenfalls gebräuchliche Begriff Gravitropismus benennt den Reiz unmittelbar. Die Richtung des Reizes beeinflusst dabei die Wuchsrichtung; ungleiches Wachstum der Organseiten führt zur Krümmung.
Ein Tropismus unterscheidet sich damit von einer Nastie: Bei einer Nastie, etwa dem Schließen einer Blüte bei einem Temperaturwechsel, hängt die Bewegungsrichtung nicht von der Richtung des auslösenden Reizes ab.
- Positiv geotrop: Wachstum in Schwerkraftrichtung, also nach unten; typisch für die Hauptwurzel.
- Negativ geotrop: Wachstum entgegen der Schwerkraftrichtung, also nach oben; typisch für den Hauptspross.
- Plagiogeotrop: Wachstum in einem Winkel zur Schwerkraftrichtung; viele Seitenwurzeln und Seitenäste wachsen schräg.
- Diageotrop: Der waagerechte Sonderfall mit einem Winkel von 90° zur Schwerkraftrichtung; beispielsweise bei vielen Rhizomen.
Nicht alle Wurzeln wachsen senkrecht nach unten und nicht alle Sprosse senkrecht nach oben. Welche Neigung ein Organ einnimmt, hängt unter anderem von Pflanzenart, Entwicklungszustand und weiteren Umweltreizen ab.
Wie Pflanzen die Schwerkraft wahrnehmen
Der grundlegende Mechanismus lässt sich an jungen Wurzeln und Sprossen in drei Schritten erklären.
1. Spezielle Zellen nehmen die Richtung wahr
In der Wurzel übernehmen vor allem Zellen der Wurzelhaube (Calyptra) diese Aufgabe. Bei vielen untersuchten jungen Sprossen liegen entsprechende Zellen in der Stärkescheide, einer Gewebeschicht um die Leitgewebe. Die Schwerkraftwahrnehmung ist im Spross also nicht allgemein auf die Spitze beschränkt.
Diese Zellen enthalten mit Stärke gefüllte Zellorganellen, sogenannte Amyloplasten, die als Statolithen wirken. Bei einer Lageänderung verlagern sie sich unter dem Einfluss der Schwerkraft zur neuen unteren Zellseite. Ihre Position trägt zur Auslösung der weiteren Signale bei.
2. Der Auxintransport verändert sich
Die Signalweitergabe beeinflusst Transportproteine für das Wuchshormon Auxin. In einem seitlich geneigten jungen Organ kann dadurch auf der unteren Seite mehr Auxin wirksam werden als auf der oberen. Entscheidend für die Krümmung ist diese ungleiche Verteilung über die Organseiten, nicht ein bloßes Absinken des Hormons in einer einzelnen Zelle.
3. Die Organseiten wachsen unterschiedlich stark
| Organ | Wirkung der erhöhten Auxinwirkung an der Unterseite | Folge |
|---|---|---|
| Junger Spross | Die Zellstreckung wird dort gefördert | Die Unterseite wächst stärker; der Spross krümmt sich aufwärts |
| Junge Wurzel | Die Zellstreckung wird dort gehemmt | Die Oberseite wächst stärker; die Wurzel krümmt sich abwärts |
Bei der Wurzel liegen Wahrnehmung und Krümmung räumlich auseinander: Die Wurzelhaube nimmt die Lageänderung wahr, die unterschiedliche Streckung findet in der Zone dahinter statt.
Wurzel- und Sprossgewebe reagieren unterschiedlich empfindlich auf Auxin. Die Tabelle beschreibt die Streckungsreaktion bei der gravitropischen Krümmung. Sie bedeutet nicht, dass Auxin die Wurzelentwicklung grundsätzlich hemmt: Auxin ist beispielsweise auch an der Bildung neuer Wurzeln beteiligt. Konzentration, Gewebe und Entwicklungszustand beeinflussen seine Wirkung.
Schwerkraft, Licht und Feuchtigkeit wirken zusammen
| Tropismus | Reiz | Beispiel |
|---|---|---|
| Geotropismus / Gravitropismus | Schwerkraft | Hauptwurzel wächst meist nach unten, Hauptspross nach oben |
| Phototropismus | Lichtrichtung | Ein junger Spross biegt sich zum Fenster |
| Hydrotropismus | Feuchtigkeitsgefälle | Eine Wurzel richtet ihr Wachstum zur feuchteren Umgebung aus |
| Thigmotropismus | Berührung | Eine Erbsenranke krümmt sich um eine Stütze |
| Chemotropismus | Chemisches Gefälle | Ein Pollenschlauch wird zur Samenanlage gelenkt |
Die Reize können sich überlagern. Ein Tomatensämling wächst beispielsweise aufwärts und zugleich zum seitlich liegenden Fenster. Regelmäßiges Drehen kann einseitigem Wuchs entgegenwirken; es ersetzt aber keine ausreichende Lichtversorgung. Mehr dazu erklärt die Seite zum Phototropismus.
Auch zwischen Feuchtigkeits- und Schwerkraftreaktion gibt es keine feste Rangfolge für alle Pflanzen. Unter bestimmten Bedingungen kann Hydrotropismus die gravitropische Reaktion abschwächen oder überlagern. Bodenhindernisse beeinflussen die tatsächliche Wuchsrichtung zusätzlich.
Geotropismus in der Gartenpraxis
1. Samen brauchen meist keine bestimmte Ausrichtung
Bei Bohne, Kürbis und Erbse ist es normalerweise nicht nötig, eine bestimmte Seite des Samens nach oben zu legen. Die Keimwurzel und der junge Spross können ihre Richtung während des Wachstums korrigieren.
Passende Saattiefe, Feuchtigkeit und Temperatur bleiben entscheidend. Lichtkeimer dürfen beispielsweise nicht beliebig tief bedeckt werden. Hinweise auf der Saatgutpackung und artspezifische Empfehlungen haben Vorrang. Bereits vorgekeimte Samen setzt du vorsichtig mit der sichtbaren Wurzel nach unten ein, ohne sie zu knicken. Grundlagen findest du im Aussaat-ABC.
2. Intakte Triebe können wieder nach oben wachsen
Nach einer Lageänderung können junge, streckungsfähige Triebteile eine aufwärts gerichtete Krümmung ausbilden. Wie schnell und wie weit das gelingt, hängt von der Pflanze und ihrem Zustand ab. Die ganze Pflanze wird dadurch nicht unbedingt wieder gerade.
Prüfe nach Sturm zuerst Bruchstellen und den Wurzelballen. Stelle umgekippte Töpfe wieder auf, schütze freiliegende Wurzeln und versorge oder stütze beschädigte Pflanzen bei Bedarf. Geotropismus repariert keine gebrochenen Stängel und verankert herausgehobene Wurzeln nicht erneut im Boden.
3. Blumenzwiebeln mit der Spitze nach oben setzen
Bei Tulpen und Narzissen gehört die Spitze nach oben, der Wurzelboden nach unten. Das gilt auch für Knoblauchzehen und Steckzwiebeln. So müssen sich die austreibenden Organe weniger stark umlenken; die passende Pflanztiefe ist ebenfalls wichtig.
Eine verkehrt gesetzte Zwiebel kann ihren Spross noch nach oben lenken. Ein erfolgreicher Austrieb ist damit aber nicht garantiert: Art, Pflanztiefe und Bodenbedingungen spielen mit. Hinweise zum Knoblauchstecken helfen bei der praktischen Umsetzung.
4. Sprossstecklinge und Wurzelschnittlinge unterscheiden
Bei einem Sprosssteckling kommt das ursprünglich untere, zur Pflanzenbasis gerichtete basale Ende ins Substrat. Diese Polarität bleibt nach dem Abschneiden erhalten. Sie ist eine Eigenschaft des Organs und wird nicht einfach durch Umdrehen oder die Schwerkraft umgekehrt. Verkehrtes Einsetzen kann die Bewurzelung und weitere Entwicklung beeinträchtigen.
Bei Steckhölzern aus Sprossen dient häufig ein schräger Schnitt oben und ein gerader Schnitt unten als Orientierungshilfe.
Wurzelschnittlinge sind dagegen Stücke einer Wurzel. Werden dickere Stücke senkrecht eingesetzt, bleibt das ursprünglich näher am Wurzelhals gelegene Ende oben. Als Markierung wird hier häufig oben gerade und unten schräg geschnitten. Dünne Wurzelstücke können je nach Pflanzenart waagerecht ausgelegt werden. Die geeignete Methode richtet sich nach der jeweiligen Art; die Schnittmarkierungen dürfen nicht zwischen beiden Verfahren verwechselt werden.
5. Waagerechte Obsttriebe verändern ihre Wuchsstärke
Bei geeigneten Apfel- und Birnentrieben kann Waagerechtbinden den starken Längenzuwachs bremsen und die Fruchtholzbildung begünstigen. Die Aststellung beeinflusst unter anderem die Apikaldominanz und die Wachstumsregulation. Die Schwerkraftreaktion bleibt dabei wirksam; freie junge Triebe können sich weiterhin aufwärts richten.
Ob mehr Blütenknospen entstehen, hängt auch von Sorte, Alter, Wuchsstärke und Schnitt ab. Deshalb ist die Aussage „herabhängende Äste blühen immer reicher“ keine verlässliche Gartenregel. Vorgehen und Grenzen beschreibt die Seite zum Spalier.
Welche Bedingungen beeinflussen die Reaktion?
| Bedingung | Einordnung |
|---|---|
| Temperatur | Beeinflusst Stoffwechsel und Wachstum; Reaktionsgeschwindigkeit und geeigneter Temperaturbereich hängen von der Pflanzenart ab |
| Staunässe und Verdichtung | Können Wurzelwachstum durch Sauerstoffmangel oder mechanischen Widerstand beeinträchtigen; das ist nicht automatisch ein Ausfall der Schwerkraftwahrnehmung |
| Entwicklungszustand | Die beschriebene Streckungskrümmung benötigt noch wachsende Bereiche; ausgereifte Abschnitte eines krautigen Triebs werden dadurch nicht einfach wieder gerade |
| Weitere Reize | Licht, Feuchtigkeit und andere Umweltbedingungen beeinflussen die tatsächliche Wuchsrichtung mit |
| Mikrogravitation | Ohne den gewohnten Schwerkrafthinweis können andere Reize das Wachstum weiterhin orientieren; Wurzeln wachsen deshalb nicht zwangsläufig richtungslos |
Bei Gehölzen gibt es zusätzlich eine andere Form der Lagekorrektur: Neues Reaktionsholz kann im Rahmen des Dickenwachstums die Stellung verholzter Stämme und Äste verändern. Das folgt nicht einfach dem hier erläuterten Modell der Zellstreckung junger Triebe.
Für die Gartenpraxis bleibt ein zur Pflanzenart passender, ausreichend durchlüfteter Boden wichtig. Wie du seine Struktur beurteilst, erklärt die Seite zu Bodenstruktur und Bodengare.
Häufige Fragen
Brauchen Pflanzen Licht, um oben und unten zu erkennen?
Nein. Die Schwerkraftreaktion kann auch im Dunkeln stattfinden. Ein Kartoffeltrieb kann sich deshalb auch ohne Licht aufwärts ausrichten. Das bedeutet jedoch nicht, dass er ohne Licht dauerhaft gesund wächst: Etiolement beziehungsweise Vergeilung ist ein eigenes Entwicklungsphänomen bei Lichtmangel.
Wachsen Wurzeln immer nach unten?
Nein. Die Hauptwurzel ist typischerweise positiv gravitrop, Seitenwurzeln können andere Winkel einnehmen. Feuchtigkeitsgradienten und Hindernisse beeinflussen die Richtung ebenfalls. „Wurzeln suchen Wasser“ und „Wurzeln reagieren auf Schwerkraft“ beschreiben also unterschiedliche Einflüsse, die zusammenwirken können.
Richtet sich ein schiefer Stängel vollständig wieder auf?
Das ist nicht garantiert. Bei jungen krautigen Pflanzen kann vor allem das weitere Wachstum seine Richtung ändern. Bereits ausgereifte, beschädigte oder verholzte Abschnitte folgen anderen Grenzen. Entscheidend ist deshalb, ob die Pflanze intakt und ausreichend versorgt ist.
Verwandte Seiten
- Auxin — Hormontransport und unterschiedliche Wachstumsantworten
- Phototropismus — gerichtetes Wachstum als Reaktion auf Licht
- Apikaldominanz — Einfluss der Triebspitze auf Seitenknospen und Verzweigung
- Etiolement (Vergeilung) — Entwicklung bei Lichtmangel
- Stecklinge — passende Pflanzenteile und Bedingungen für die Vermehrung
- Spalier — Triebe gezielt führen und pflegen
- Bodenstruktur und Bodengare — Bedingungen für gesundes Wurzelwachstum
Infografik