Geotropismus: Warum Wurzeln nach unten und Sprosse nach oben wachsen

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Lege einen Bohnensamen mit der Keimwurzel nach oben in die Erde: Während des Wachstums kann sich die Wurzel nach unten und der Keimspross nach oben ausrichten. Auch ohne Licht nehmen Pflanzen die Richtung der Schwerkraft wahr. Diese Wachstumsreaktion heißt Geotropismus oder Gravitropismus.

Im Garten erklärt sie, warum eine bestimmte Samenlage bei vielen üblichen Saaten nicht nötig ist und warum junge Triebe nach einer Lageänderung wieder aufwärts wachsen können. Die Selbstkorrektur hat aber Grenzen: Sie ersetzt weder gute Keimbedingungen noch die Versorgung beschädigter Pflanzen.

Was ist Geotropismus?

Schematischer Bodenquerschnitt: Hauptwurzel nach unten, Hauptspross nach oben und ein nach unten gerichteter Schwerkraftpfeil
Die Hauptwurzel wächst meist mit der Schwerkraftrichtung, der Hauptspross entgegen ihr.

Geotropismus ist gerichtetes Wachstum eines Pflanzenorgans als Reaktion auf die Schwerkraft. Der ebenfalls gebräuchliche Begriff Gravitropismus benennt den Reiz unmittelbar. Die Richtung des Reizes beeinflusst dabei die Wuchsrichtung; ungleiches Wachstum der Organseiten führt zur Krümmung.

Ein Tropismus unterscheidet sich damit von einer Nastie: Bei einer Nastie, etwa dem Schließen einer Blüte bei einem Temperaturwechsel, hängt die Bewegungsrichtung nicht von der Richtung des auslösenden Reizes ab.

Nicht alle Wurzeln wachsen senkrecht nach unten und nicht alle Sprosse senkrecht nach oben. Welche Neigung ein Organ einnimmt, hängt unter anderem von Pflanzenart, Entwicklungszustand und weiteren Umweltreizen ab.

Wie Pflanzen die Schwerkraft wahrnehmen

Schema einer seitlich liegenden Wurzel: Wahrnehmung in der Wurzelhaube, höhere Auxinwirkung an der unteren Organseite und Krümmung in der Streckungszone
Die Wurzelhaube nimmt den Reiz wahr; die ungleiche Zellstreckung erfolgt weiter hinten in der Streckungszone.

Der grundlegende Mechanismus lässt sich an jungen Wurzeln und Sprossen in drei Schritten erklären.

1. Spezielle Zellen nehmen die Richtung wahr

In der Wurzel übernehmen vor allem Zellen der Wurzelhaube (Calyptra) diese Aufgabe. Bei vielen untersuchten jungen Sprossen liegen entsprechende Zellen in der Stärkescheide, einer Gewebeschicht um die Leitgewebe. Die Schwerkraftwahrnehmung ist im Spross also nicht allgemein auf die Spitze beschränkt.

Diese Zellen enthalten mit Stärke gefüllte Zellorganellen, sogenannte Amyloplasten, die als Statolithen wirken. Bei einer Lageänderung verlagern sie sich unter dem Einfluss der Schwerkraft zur neuen unteren Zellseite. Ihre Position trägt zur Auslösung der weiteren Signale bei.

2. Der Auxintransport verändert sich

Die Signalweitergabe beeinflusst Transportproteine für das Wuchshormon Auxin. In einem seitlich geneigten jungen Organ kann dadurch auf der unteren Seite mehr Auxin wirksam werden als auf der oberen. Entscheidend für die Krümmung ist diese ungleiche Verteilung über die Organseiten, nicht ein bloßes Absinken des Hormons in einer einzelnen Zelle.

3. Die Organseiten wachsen unterschiedlich stark

Auxin als neutrales Hormonsymbol: Förderung der Zellstreckung im jungen Spross und Hemmung der Zellstreckung in der jungen Wurzel bei der gravitropischen Reaktion
Bei der gravitropischen Krümmung reagieren die Streckungszonen von Wurzel und Spross unterschiedlich auf Auxin.
OrganWirkung der erhöhten Auxinwirkung an der UnterseiteFolge
Junger SprossDie Zellstreckung wird dort gefördertDie Unterseite wächst stärker; der Spross krümmt sich aufwärts
Junge WurzelDie Zellstreckung wird dort gehemmtDie Oberseite wächst stärker; die Wurzel krümmt sich abwärts

Bei der Wurzel liegen Wahrnehmung und Krümmung räumlich auseinander: Die Wurzelhaube nimmt die Lageänderung wahr, die unterschiedliche Streckung findet in der Zone dahinter statt.

Wurzel- und Sprossgewebe reagieren unterschiedlich empfindlich auf Auxin. Die Tabelle beschreibt die Streckungsreaktion bei der gravitropischen Krümmung. Sie bedeutet nicht, dass Auxin die Wurzelentwicklung grundsätzlich hemmt: Auxin ist beispielsweise auch an der Bildung neuer Wurzeln beteiligt. Konzentration, Gewebe und Entwicklungszustand beeinflussen seine Wirkung.

Schwerkraft, Licht und Feuchtigkeit wirken zusammen

Schematischer Keimling mit Pluszeichen an der abwärts wachsenden Wurzel und Minuszeichen am aufwärts wachsenden Spross
Positiv und negativ bezeichnen die Wuchsrichtung relativ zum Reiz, keine Bewertung des Wachstums.
TropismusReizBeispiel
Geotropismus / GravitropismusSchwerkraftHauptwurzel wächst meist nach unten, Hauptspross nach oben
PhototropismusLichtrichtungEin junger Spross biegt sich zum Fenster
HydrotropismusFeuchtigkeitsgefälleEine Wurzel richtet ihr Wachstum zur feuchteren Umgebung aus
ThigmotropismusBerührungEine Erbsenranke krümmt sich um eine Stütze
ChemotropismusChemisches GefälleEin Pollenschlauch wird zur Samenanlage gelenkt

Die Reize können sich überlagern. Ein Tomatensämling wächst beispielsweise aufwärts und zugleich zum seitlich liegenden Fenster. Regelmäßiges Drehen kann einseitigem Wuchs entgegenwirken; es ersetzt aber keine ausreichende Lichtversorgung. Mehr dazu erklärt die Seite zum Phototropismus.

Auch zwischen Feuchtigkeits- und Schwerkraftreaktion gibt es keine feste Rangfolge für alle Pflanzen. Unter bestimmten Bedingungen kann Hydrotropismus die gravitropische Reaktion abschwächen oder überlagern. Bodenhindernisse beeinflussen die tatsächliche Wuchsrichtung zusätzlich.

Geotropismus in der Gartenpraxis

Schematische Illustration eines umgekippten Topfes mit einem intakten Trieb, der sich aufwärts gekrümmt hat
Ein intakter, weiterwachsender Trieb kann sich aufwärts krümmen. Einen umgekippten Topf solltest du trotzdem wieder aufstellen.

1. Samen brauchen meist keine bestimmte Ausrichtung

Bei Bohne, Kürbis und Erbse ist es normalerweise nicht nötig, eine bestimmte Seite des Samens nach oben zu legen. Die Keimwurzel und der junge Spross können ihre Richtung während des Wachstums korrigieren.

Passende Saattiefe, Feuchtigkeit und Temperatur bleiben entscheidend. Lichtkeimer dürfen beispielsweise nicht beliebig tief bedeckt werden. Hinweise auf der Saatgutpackung und artspezifische Empfehlungen haben Vorrang. Bereits vorgekeimte Samen setzt du vorsichtig mit der sichtbaren Wurzel nach unten ein, ohne sie zu knicken. Grundlagen findest du im Aussaat-ABC.

2. Intakte Triebe können wieder nach oben wachsen

Nach einer Lageänderung können junge, streckungsfähige Triebteile eine aufwärts gerichtete Krümmung ausbilden. Wie schnell und wie weit das gelingt, hängt von der Pflanze und ihrem Zustand ab. Die ganze Pflanze wird dadurch nicht unbedingt wieder gerade.

Prüfe nach Sturm zuerst Bruchstellen und den Wurzelballen. Stelle umgekippte Töpfe wieder auf, schütze freiliegende Wurzeln und versorge oder stütze beschädigte Pflanzen bei Bedarf. Geotropismus repariert keine gebrochenen Stängel und verankert herausgehobene Wurzeln nicht erneut im Boden.

3. Blumenzwiebeln mit der Spitze nach oben setzen

Bei Tulpen und Narzissen gehört die Spitze nach oben, der Wurzelboden nach unten. Das gilt auch für Knoblauchzehen und Steckzwiebeln. So müssen sich die austreibenden Organe weniger stark umlenken; die passende Pflanztiefe ist ebenfalls wichtig.

Eine verkehrt gesetzte Zwiebel kann ihren Spross noch nach oben lenken. Ein erfolgreicher Austrieb ist damit aber nicht garantiert: Art, Pflanztiefe und Bodenbedingungen spielen mit. Hinweise zum Knoblauchstecken helfen bei der praktischen Umsetzung.

4. Sprossstecklinge und Wurzelschnittlinge unterscheiden

Bei einem Sprosssteckling kommt das ursprünglich untere, zur Pflanzenbasis gerichtete basale Ende ins Substrat. Diese Polarität bleibt nach dem Abschneiden erhalten. Sie ist eine Eigenschaft des Organs und wird nicht einfach durch Umdrehen oder die Schwerkraft umgekehrt. Verkehrtes Einsetzen kann die Bewurzelung und weitere Entwicklung beeinträchtigen.

Bei Steckhölzern aus Sprossen dient häufig ein schräger Schnitt oben und ein gerader Schnitt unten als Orientierungshilfe.

Wurzelschnittlinge sind dagegen Stücke einer Wurzel. Werden dickere Stücke senkrecht eingesetzt, bleibt das ursprünglich näher am Wurzelhals gelegene Ende oben. Als Markierung wird hier häufig oben gerade und unten schräg geschnitten. Dünne Wurzelstücke können je nach Pflanzenart waagerecht ausgelegt werden. Die geeignete Methode richtet sich nach der jeweiligen Art; die Schnittmarkierungen dürfen nicht zwischen beiden Verfahren verwechselt werden.

5. Waagerechte Obsttriebe verändern ihre Wuchsstärke

Bei geeigneten Apfel- und Birnentrieben kann Waagerechtbinden den starken Längenzuwachs bremsen und die Fruchtholzbildung begünstigen. Die Aststellung beeinflusst unter anderem die Apikaldominanz und die Wachstumsregulation. Die Schwerkraftreaktion bleibt dabei wirksam; freie junge Triebe können sich weiterhin aufwärts richten.

Ob mehr Blütenknospen entstehen, hängt auch von Sorte, Alter, Wuchsstärke und Schnitt ab. Deshalb ist die Aussage „herabhängende Äste blühen immer reicher“ keine verlässliche Gartenregel. Vorgehen und Grenzen beschreibt die Seite zum Spalier.

Welche Bedingungen beeinflussen die Reaktion?

BedingungEinordnung
TemperaturBeeinflusst Stoffwechsel und Wachstum; Reaktionsgeschwindigkeit und geeigneter Temperaturbereich hängen von der Pflanzenart ab
Staunässe und VerdichtungKönnen Wurzelwachstum durch Sauerstoffmangel oder mechanischen Widerstand beeinträchtigen; das ist nicht automatisch ein Ausfall der Schwerkraftwahrnehmung
EntwicklungszustandDie beschriebene Streckungskrümmung benötigt noch wachsende Bereiche; ausgereifte Abschnitte eines krautigen Triebs werden dadurch nicht einfach wieder gerade
Weitere ReizeLicht, Feuchtigkeit und andere Umweltbedingungen beeinflussen die tatsächliche Wuchsrichtung mit
MikrogravitationOhne den gewohnten Schwerkrafthinweis können andere Reize das Wachstum weiterhin orientieren; Wurzeln wachsen deshalb nicht zwangsläufig richtungslos

Bei Gehölzen gibt es zusätzlich eine andere Form der Lagekorrektur: Neues Reaktionsholz kann im Rahmen des Dickenwachstums die Stellung verholzter Stämme und Äste verändern. Das folgt nicht einfach dem hier erläuterten Modell der Zellstreckung junger Triebe.

Für die Gartenpraxis bleibt ein zur Pflanzenart passender, ausreichend durchlüfteter Boden wichtig. Wie du seine Struktur beurteilst, erklärt die Seite zu Bodenstruktur und Bodengare.

Häufige Fragen

Brauchen Pflanzen Licht, um oben und unten zu erkennen?

Nein. Die Schwerkraftreaktion kann auch im Dunkeln stattfinden. Ein Kartoffeltrieb kann sich deshalb auch ohne Licht aufwärts ausrichten. Das bedeutet jedoch nicht, dass er ohne Licht dauerhaft gesund wächst: Etiolement beziehungsweise Vergeilung ist ein eigenes Entwicklungsphänomen bei Lichtmangel.

Wachsen Wurzeln immer nach unten?

Nein. Die Hauptwurzel ist typischerweise positiv gravitrop, Seitenwurzeln können andere Winkel einnehmen. Feuchtigkeitsgradienten und Hindernisse beeinflussen die Richtung ebenfalls. „Wurzeln suchen Wasser“ und „Wurzeln reagieren auf Schwerkraft“ beschreiben also unterschiedliche Einflüsse, die zusammenwirken können.

Richtet sich ein schiefer Stängel vollständig wieder auf?

Das ist nicht garantiert. Bei jungen krautigen Pflanzen kann vor allem das weitere Wachstum seine Richtung ändern. Bereits ausgereifte, beschädigte oder verholzte Abschnitte folgen anderen Grenzen. Entscheidend ist deshalb, ob die Pflanze intakt und ausreichend versorgt ist.

Verwandte Seiten

Infografik

Geotropismus im Überblick: Hauptwurzel meist abwärts, Hauptspross meist aufwärts; Wahrnehmung in der Wurzelhaube und speziellen Sprosszellen
Schwerkraft beeinflusst die Wachstumsrichtung; Licht und Feuchtigkeit können mitwirken.